Arme Irre

Informationen zur Psychiatrie im Rheinland

16. Februar 2013: Am 28. Januar 2013 unternahm der Landschaftsverband Rheinland (LVR) einen Versuch, die Deutungshoheit über den Aufarbeitungsprozeß zur NS-Vergangenheit ihres langjährigen Direktors Udo Klausa zurück zu gewinnen. Noch im Jahre 2010 wurde dieser als Dirigent eines großen Orchesters auf der Homepagedes LVR‘s gefeiert.

Das dieser Dirigent an der „Endlösung der Judenfrage“ im Landkreis Bendzin maßgeblich beteiligt war, hat die Historikerin Mary Fulbrook in ihrem Buch: „A Small Town Near Auschwitz“ zweifelsfrei nachgewiesen.

Auf Grund der Enthüllungen dieses Buches sah sich der LVR genötigt, den Historiker Dr. Uwe Kaminsky von der Ruhr-Universität Bochum mit der Aufarbeitung der Geschichte Klausa’s zu beauftragen (siehe das Manuskript seines Vortrags vom 28.1.2013).

Sein Vortrag fasst korrekt die bereits vorhandenen Erkenntnisse (das Buch von Mary Fulbrook und der Nachlass Klausa‘s, der sich im Archiv des LVR befindet) zusammen.

Die Frage, ob Klausa verantwortlich dafür war, daß sich autoritäre, undemokratische, faschistoide Strukturen im LVR in der Nachkriegszeit fortgesetzt haben, wollte Kaminsky nicht beantworten; laut Herrn Kaminsky ist dies Thema eine neuen Forschungsprojektes.

Für die Oper der Nachkriegspsychiatrie im Rheinland (siehe WDR-Beitrag: „Arme Irre“) ein enttäuschendes Ergebnis.

Januar 2013: In 2012 erschien die Studie A Small Town Near Auschwitz. Ordinary Nazis and the Holocaust von Mary Fulbrook, in dem sie sich auch mit dem Wirken von Udo Klausa in Bedzin auseinandersetzt. Im Mai letzten Jahres hatte die Autorin Gelegenheit, in einem Vortrag am Institut für Geschichte der Medizin an der Universität Düsseldorf über ihre Forschungen zu sprechen (Audiofile des Vortrags und der Diskussion, Herunterladen mit rechter Maustaste). Die bisherigen Darstellungen, nach denen Udo Klausa nur ein unbedeutender Mitläufer bei den Nazis gewesen sei, sind nach diesen gründlichen Recherchen nicht mehr haltbar. Als beim LVR bekannt wurde, dass Mary Fulbrook ihre Forschungsergebnisse als Buch veröffentlichen wird, gab es Verlautbarungen, der LVR selber werde sich um eine zügige deutsche Übersetzung des Buchs bemühen …

Siehe auch den Beitrag von Lothar Gothe zum Buch von Mary Fulbrook in der NRHZ vom 2.1.2013.

Offensichtlich als Reaktion auf die Untersuchung von Mary Fulbrook widmet der LVR seine diesjährige Veranstaltung zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus am Montag, den 28. Januar 2013, um 11 Uhr, im Horion Haus, Hermann-Pünder-Str. 1, 50679 Köln-Deutz, seinem langjährigen Landesdirektor Udo Klausa.


 

2012: Am 1. September wird um 11 Uhr vor dem Landeshaus des LVR (Kennedy-Ufer 2, 50679 Köln) die Ausstellung Graue Busse eröffnet werden. Da der LVR selber bis heute (23.8.2011) dazu keine Information veröffentlicht hat, hier die Beschreibung und Hinweis zur Eröffnung von der Seite „Gedänkstättenforum“.

Die Schwierigkeiten des LVR, sich kritisch mit seiner eigenen Geschichte vor und nach 1945 auseinanderzusetzen, belegt auch dieses Gesprächsprotokoll von Lothar Gothe vom 8.8.2011 über ein Treffen beim LVR.

Bei diesem Treffen lag auch bereits der gedruckte Flyer zur Ausstellung und dem Rahmenprogramm vor, der aber bisher (24.8. – eine Woche vor Ausstellungseröffnung!) vom LVR noch nicht freigegeben ist. Am Schluss des Faltblatts heißt es: „Die verantwortlichen Anstaltsärzte der Provinzial-Heil- und Pflegeanstalten [deren Rechtsnachfolger der heutige LVR ist] unterstützten aktiv die ‚Euthanasie‘-Politik der Nationalsozialisten. Nur wenige der beteiligten Ärzte wurden nach dem Krieg zur Rechenschaft gezogen.“ Kein Wort davon, dass einige dieser Ärzte, wie der an der T4-Aktion beteiligte Friedrich Panse, nach dem Krieg sogar Karriere beim LVR machen konnten – Panse als Klinikleiter, wie heute selbst auf der Webseite des LVR-Klinikum Düsseldorfs nachzulesen ist. Bei seinem Tod 1973 hatte es in der Traueranzeige der Psychiatrischen Universitätsklinik Düsseldorf noch geheißen: „Ein Leben der Arbeit im Dienst leidender Mitmenschen … ist vollendet.“ (zitiert nach Ernst Klee).

Der LVR hat mittlerweile einen Forschungsauftrag mit dem Titel Aufarbeitung und Dokumentation der Geschichte der Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen in Institutionen des Landschaftsverbandes Rheinland seit 1945 vergeben – da der Druck aus der Öffentlichkeit und von eigenen Beschäftigten zugenommen hat, sich endlich kritisch mit der Geschichte des LVR auseinanderzusetzen. Die Radiosendung im WDR und die prämierte Schülerarbeit haben ihn weiter unter Druck gesetzt. Angesiedelt ist dieser Forschungsauftrag am Institut für Geschichte der Medizin an der Universitätsklinik Düsseldorf – die zumindest dadurch in einem engen Zusammenhang zum LVR steht, dass ihre psychiatrische Abteilung als LVR-Klinikum-Düsseldorf vom Landschaftsverband geführt wird. Hier stellt sich die Frage, wie unabhängig diese Forschung und Aufarbeitung wirklich sein kann.

Materialien & Informationen


1 Antwort auf „Arme Irre“


  1. 1 Blog-o-mat 21. Juni 2011 um 9:37 Uhr

    Hi, das ist ein (automatisch erzeugter) Kommentar.
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